Casanova – Sterne, Story, Lesetipps…

Ach ja… CASANOVA…

Wenn man im Widder geboren ist, muß man sich als Mann öfter anhören, dass Casanova auch ein Widder war.

Aber: Wer erfand die Staatslotterie?
Wer galt als ,,Inbegriff der galanten Epoche“?

Als sogenannt größter Liebhaber aller Zeiten?

Es war Giacomo Girolamo Casanova mit dem selbstangemaßten Adelstitel ,,Chevalier de Seingalt“ (San Gahlo ist eine Gasse nahe der Piazza San Marco). Ein Abenteurer und Gentleman, in dessen Ruf sich Ruhm und böse Nachrede mischten und noch heute mischen.

Wahr ist, dass er am Hofe des wieder einmal finanzknappen französischen Königs Ludwig XV. als neu erschließbare Geldquelle die Lotterie einrichtete.

Unwahr sind die Superlative.

Da muß man fein säuberlich unterscheiden.

Denn Abenteurer, Scharlatane, Höflinge und geniale Blender wie ihn gab es seit eh und je.

Denken wir nur an den berüchtigten Cagliostro oder selbst Casanovas Landsmann und Freund, «en genialen Opern-Librettisten Lorenzo da Ponte (ebenfalls nichtadlig), der nach einem wild-bewegten Leben 1838 in New York starb.

Doch keiner hat in seinem literarischen Hauptwerk den Geist, Ungeist, Glanz und auch das Elend seiner Epoche als europäisches Kolossalgemälde derart drastisch, saftig und plastisch geschildert wie Casanova in seinen damals beispiellosen ,,Memoires“.

Was für ein Mann; was für ein Schicksal! Es wurde fast übertroffen vom Schicksal seiner Erinnerungen.

Als anrüchige Lektüre von Verlagen vielfach fehlbearbeitet, aufs scheinbar Wesentliche gekürzt und für den Unterm-Ladentisch-Verkauf sogar erotisch verstärkt und illustriert, sind sie im Originaltext erstmals 1960-1962 in Wiesbaden/Paris erschienen.

Ein Buch – vielmehr ein Werk – , seit dessen Veröffentlichung in 21 Bänden (deutsch) sich unser Bild von Casanova wesentlich wandelte vom Verführer und Wüstling zum scharfsinnigen Zeitbeobachter und belesenen Weltmann von Eleganz.

Allein die ersten drei Bände böten genug Stoff für drei Dutzend Spielfilme, so lebendig berichtet Casanova von Kindheit, Jugend und Studium in Venedig und Padua, wo er erst in ein greuliches Internat mußte und dann an der Uni die ,,niederen Weihen“ als Abbe bekam sowie Doktor beider Rechte wurde (des kirchlichen und des weltlichen).

Geboren war er 1725 als Schauspielerkind. Da sich aber der Adlige Grimani auffällig um den Jungen kümmerte, liegt eine hochwohlgeborne Herkunft nicht fern.

Casanova brachte es mit seinem Geschick schon jung bis zum Kardinaissekretär in Neapel, wurde Offizier in der verblassenden ,,Serenissima“ Venedig, aber auch Theatergeiger. Er liebäugelte mit Geheimwissenschaften wie der Kabbala, übersetzte Homer, war Salonlöwe in den Palazzi seiner Mutterstadt, des damaligen Amüsierzentrums in Europa, und Spieler in deren Cafes.

Zwischen Venedig und dem Rest der WeIt trieb es ihn ungestüm herum. Nach Paris, London, Madrid, Dresden, St. Petersburg, Warschau, Hannover, Wien. Mal war er Geheimagent, mal Devisenhändler, Erfinder, Anreger, mal Denunziant, mal Denunzierter. Sechsmal eingesperrt; sechsmal des Landes verwiesen.

Ein Blender – mit ungeheurer Substanz. Fast alle Großen der Politik und Literatur – Voltaire, Maria Theresia, der Alte Fritz, Rousseau, Madame Pompadour, Winckelmann, Benjamin Franklin, Zarin Katharina II. – empfingen ihn und waren von ihm beeindruckt.

Plastisch und präzise schilderte er jedwedes Charakterdetail.

Selber ein Haus, eine Familie zu bauen, war ihm nicht wünschenswert. Casanova war entschieden ein Kind der Aufklärung. ,,Ich liebe die Seelenführer nicht (.. .); fühle mich nur mir selbst verantwortlich für das, was an Klarheit und Unklarheit in mein Leben verwoben ist.“

Als ,,Freigeist“ verhafteten ihn die Oberen der Republik Venedig und warfen ihn in die ,,Bleikammern“, jenes berüchtigte Gefängnis, zu dem die zurecht so genannte Seufzerbrücke führt.

1756 gelang ihm nach eineinhalb Jahren Vorbereitung die waghalsige Flucht aus der Staatshaft, die ihn – neben anderem — berühmt machte.

Und der Liebhaber?

Exakt 132 Frauenabenteuer weist er als ,,sein eigener Leporello“ (Ernst Stein) nach; das ist nicht die Welt.

Kein Vergleich mit den allein ,,in Espagna 1003“ des Don Giovanni – nach da Ponte und Mozart. Dafür hat er auch keine Höllenfahrt erlitten. Unbestritten, dass er kein ,,Wüstling“ war wie de Sade oder Gilles de Rais (wiewohl deren Untaten wohl auch eher auf dem Papier oder in der Legende standen).

Casanova war, anders als in dem törichten Filmpamphlet Fellinis dargestellt, keinesfalls ein blinder Rammler. Wenn er sich eine Schöne ausgesucht hatte, tat er‘s mit Entschluß, Beschluß, Bedacht.

Nie tat er einer Frau Gewalt an; die Herstellung ,,seligen Einvernehmens“ (so der Literaturhistoriker Richard Alewyn) war Ziel beidseitiger, gleichberechtigter Wünsche.

Verblüffende Episode: Wie er sich auf einer Reise nach Süden in einen Jüngling verliebte. Sinnierend, das kann doch nicht sein! Und herausbekommt: Sie war verkleidet. Im erotischen Teil der Memoiren (viel kürzer als vermutet) mischen sich Sinnenlust, Ernst und auch Trauer über Betrug, eigene Schäbigkeit und Verlust, egal, von welcher Seite, ehrlich und verständig.

,,Du wirst auch Henriette vergessen“, kratzte eine abreisende Geliebte mit ihrem Diamanten ins Fensterglas des Wirtshauszimmers. Aber nein. Der Kavalier vom heiligen Hahn (San Gallo) hat den Spruch treulich überliefert. Das Fenster aber wurde erst in diesem Jahrhundert vernichtet.

1785 bis 1798 verzehrte der gealterte Offizier und Gentleman <oder ,,Lumpenadlige“) Casanova sein Gnadenbrot – belegt mit 1000 Gulden jährlich – als Bibliothekar zwischen 40 000 Bänden im Schloß des Grafen Waldstein zu Dux in Böhmen, 13 Jahre lang. Da war er ein grämlicher Geselle, ein Schloßgespenst, meckerte über die al-dente-Qualität der Nudeln oder darüber, dass man ihn als feudales Rokoko-Fossil veräppelte, ihn, den Freigeist!

Hochintelligent war er, allerdings in ,,in einer Welt von Dummköpfen“.

Als sein Hündchen ,,Schwarzsteiß“ einging, ein Terrier, weinte er zwei Wochen lang. Er versuchte auch, aus dem silbernen Käfig zu fliehen. Mußte aber, zum Amusement der Gesellschaft, mittellos und mit Schulden zurückkehren.

Vor lauter Langeweile begann er mit 65 seine Memoiren, ,,eins der größten und ergiebigsten Dokumente der Weltliteratur“ (Willy Haas). ,,Zum Verbrennen“, so Casanova selbst. Springen Sie in jeden beliebigen Band des Casanova: Unter 50 Seiten kommen Sie nicht davon. Selbst nicht in dieser schnellesigen Zeit. Ferner verfaßte er schöngeistige sowie naturwissenschaftlich-praktische Schriften.

Windige Existenz

Giacomo Casanova hat seine imgrunde windige Existenz durch Literarisierung seines Lebens und Beschreibung seiner Epoche geadelt. Er, der seine Memoiren besessen gegen das Vergessen und Vergessen-werden schrieb, starb am 4. Juni 1798 in Dux.

Tröstende Besucher wies er ab, getreu seiner Auffassung:
,,Ich möchte auf dieser so ernsten Reise nicht Lächerlichkeiten begegnen. Der Tod ist eine Schuld, die auch ein Ehrenmann nicht freiwillig bezahlen soll, denn nicht er ist sie eingegangen, sondern die Herrin Natur ohne seine Zustimmung.“

Literatur-Hinweise zu Casanova

Giacomo Casanova: ,,Geschichte meines Lebens“. Aus dem Französischen von Heinrich Conrad. Aufbau-Verlag, Berlin. Fünf Bände, 1200 Seiten, 68 DM.
Hermann Schreiber: ,,Casanova – Eine Biographie“. Droste Verlag, Düsseldorf, 350 Seiten, 49,80 DM.
J. Rives Childs: ,,Giacomo Casanova de Seingale in Selbstzeugnissen und Dokumenten“. Rowohlt-Monographie, 12,90 DM.
Lydia Flem: ,,Casanova oder die Einübung ins Glück“. Europäische Verlagsanstalt, 286 Seiten, 38 DM.
Eckart Kleßmann: ,,Ein Fest der Sinne – Casanova und sein Zeitalter“. Artemis & Winkler~ Verlag, Düsseldorf/ Zürich, ca. 60 Farb- und 60 Schwarzweiß-Abbildungen, 184 Seiten, 98 DM.
Ruth Bombosch: ,,Casanova ä la carte — Eine kulinarische Biographie“. Campus Verlag,
Frankfurt, 179 Seiten, 36 DM.
Eva Eckstein: ,,Eine Auster im Mieder von Donna Emilia —Casanovas sinnlichste Rezepte“. Verlag Rütten & Loening‘ Berlin, 176 Seiten, 28 DM.
Otto Krätz/Helga Merlin:
,,Casanova – Liebhaber der Wissenschaften“. Callwey Verlag, München, 52 farbige und 158 Schwarzweiß-Abbildungen, 184 Seiten, 128 DM.
Hermann Kesten: ,,Casanova“. Ullstein-Verlag 1981 (Originalausgabe 1952), 454 Seiten, 9,80 DM.
Lothar Müller: ,,Casanovas Venedig. Ein Reiselesebuch“. Wagenbach-Verlag. 130 Seiten, 24.80 DM.

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