Lilith, die schöne Unbekannte

LILITH – Die schöne Unbekannte

Zu einer Zeit, als das Paradies und die Erde schon eine Weile lang erschaffen waren, wandelte Gott auf Erden und fand Adam vor Enttäuschung schluchzend im Garten Eden vor.

„Mein liebes Menschenkind,“ sprach der Herr, „was macht dich so traurig? Habe ich dir nicht einen schönen Garten und ein gutes Leben bereitet?“

„Nein, hast du nicht!“ schimpfte Adam verbittert. „Alle Geschöpfe haben eine Gefährtin, nur ich nicht!“

„Aber Adam!“ sagte der Herr erstaunt. „Habe ich dir nicht die Lilith erschaffen, so wohlgebaut, mit einer samtigen dunklen Haut?

Obendrein habe ich eingerichtet, daß sie dir leidenschaftlich zugetan ist und du daher recht viel Freude – nicht nur an ihren Mandelaugen – hast! Ist sie nicht die Leidenschaft in Person? Sie ist doch einfach vollkommen, oder?“

„Ach, was!“ Adam gestikulierte abwehrend. „Vollkommen ist sie überhaupt nicht, denn alle anderen Geschöpfe haben eine Gefährtin mit S e e l e , nur ich nicht!“

Der Herr griff fassungslos an seine Stirn: „Was willst du denn bloß ausgerechnet mit einer Gefährtin mit Seele? Bleib vernünftig, vielleicht stört das nur. Das Verfahren ist nicht erprobt. Außerdem sind die Seelen alle in der ganzen Schöpfung verteilt. Woher soll ich jetzt noch eine Seele nehmen? Das gesamte Produktionsaufkommen an Seelenmaterial ist verteilt!“

Adam aber hatte seinen störrischen Tag und bedrängte den Herrn so gut er konnte. Dieser wiederum mochte wohl sein Menschenkind nicht enttäuschen. Denn nach kurzer Überlegung kam ihm die uns allen aus dem Bibelunterricht bekannte Idee: Er schickte Adam in den Schlaf, entnahm aber nicht nur die Rippe, sondern auch die runde Adam-Seele. Die Adam-Seele teilte er je zur Hälfte auf Adam und die Rippe auf. Dann hauchte er der Rippe Odem, den Lebensatem ein. So also – und nicht anders – entstand Eva!

Der Rest ist auch aus der Bibel bekannt: Adam und Eva erwachten, erkannten einander und erfreuten sich ab sofort ihres seelischen und körperlichen Zusammenseins.

Waren nun a l l e zufrieden?

Nein, L i l i t h keineswegs! Etliche Zeitlang war sie weniger als sonst gefragt und fühlte sich aus diesem Grund arg zurückgesetzt. Sie schäumte vor Wut, lieh sich das Fell der Schlange und provozierte den bekannten Fall mit dem Apfel vom Baume des Paradieses. Vielen bunt schillernden Schlangen wird wohl allein deswegen heute noch häufig unrecht getan …

 

Allein, der Verlust des Paradieses wäre wohl für Adam und auch Eva – später auch für uns, die wir heute leben – zu verschmerzen gewesen; denn seelisch und körperlich abgerundete Gefährten überstehen bekanntlich viel, wenn nicht sogar alles.
Leider ergab sich eine mißliebige Konsequenz, an der wir alle heute noch zu knausern haben: Die wahrhaft runde Halb- und Halb-Seele wie damals im Paradies gibt es heute nicht mehr. Manche dieser Teile haben Scharten. Eine Hälfte oder beide Hälften klaffen ein wenig oder stark auseinander oder eine oder beide Hälften lappen auf die andere über, manche klemmen und klammern sehr unangenehm. Oft erscheint es den Partnern sogar beschwerlich bis unmöglich, mit der Seelenhälfte des anderen auszukommen, obwohl der Kopf das eigentlich will.

Aus diesem Grunde allein sind abends die Bahnhöfe, Discotheken und sonstige Treffpunkte so voll: So viele Menschen suchen nach der Seelenhälfte, die hundertprozentig zur eigenen paßt, ohne zu wissen, daß diese zu finden schier unmöglich ist, denn – siehe oben!

Nur die Menschen, die die Geschichte mit der Lilith, dieser personifizierten Leidenschaft, kennen, suchen vielleicht nicht gar so arg.

Zu diesem elitär kleinen Kreis von wissenden Personen gehören ab jetzt auch Sie als Leser/in dieser Zeilen.

 

Übrigens:

Dies ist, bitteschön, kein Auftakt zu einem theologischen Disput!

 

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