Ein Herrenabend

Ein Herrenabend …

 

EIN BESONDERER ABEND

 

Das Fenster des Konferenzraums entließ die Rauchschwaden guter Zigarren in die Abendluft, während die Konferenzteilnehmer noch den zweiten oder dritten Cognac schlürften. Dr. Gier, der Wortführer, wollte sich vor Lachen schier ausschütten. Seine Vorstands-Kollegen Zins, Schrapp und Klemm schlugen ihm unter Gelächter von links und rechts auf die Schulter. „Ja, meine Herren,“ gröhlte Dr. Gier, „sehen Sie, so einfach geht das!“ Und alle zusammen mochten nicht aufhören, Gesprächspassagen der nachmittäglichen Debatte zu wiederholen, in der es Dr. Gier und seinen ehrbaren Kollegen Schrapp und Klemm gelungen war, den dummen Arbeitsdirektor, den Betriebsrat und einen jungen, unerfahrenen Gewerkschaftssekretär zu einer für die Belegschaft nachteiligen Betriebsvereinbarung zu bewegen. Daß es dabei Herrn Schrapp gelungen war, bezüglich der Auftrags- und Ertragszahlen falsche und verwirrende Angaben zu machen, war für die Herren Grund zu einer außerordentlichen Freude.

 

Solch einen Tag mochten die Herren nicht so einfach ausklingen lassen; der Tag schrie sozusagen nach einem Höhepunkt.

 

Um Vorschläge waren die Herren nicht verlegen; lachend wurde Dr. Giers Vorschlag, einen Vergnügungspark aufzusuchen, von allen Seiten akzeptiert.

 

Die Herren ließen sich von ihren Chauffeuren an den Rand des Parks fahren, dann wurden die Fahrer nach Hause geschickt. „Wer weiß, was uns heute Abend noch alles einfällt …!“ schmunzelte Klemm süffisant.

Schrapp kicherte wie ein unreifer Pennäler, als Dr. Gier ihm kumpelhaft in die Seite stieß. Polternd stürmten sie gefolgt vom schwerfälligen Zins den Park und hatten bald die ersten Buden erreicht. Zwischen den Karussel- und Geisterbahnfahrten gönnten sich die Herren an den Ausschank-Buden manches Glas Pils und einige gute Genever.

 

Plötzlich wurden sie von einer Losbude angelockt, die kaum beleuchtet war, deren Auslagen aber im Dunkel des Abends umso interessanter erschienen.

Der Losverkäufer stand anscheinend teilnahmslos im hinteren Teil seines Unternehmens und schien von den Herren keine Notiz zu nehmen.

„Holla, Wirtschaft! Lose für uns alle!“ polterte Schrapp los.

 

„Warum interessieren Sie sich denn gerade heute für ein Los?“ entgegnete der Losverkäufer ohne irgend ein Mienenspiel oder eine Bewegung.

 

„Heute amüsieren wir uns!“ lallte Klemm.

„Jawohl, wir haben heute viel geleistet. Wir haben unserer Firma viel Geld gespart und Personal freigestellt. Das war der Clou des Jahres!“ drängte Schnapp.

Dr. Gier wurde ungeduldig, mit einem Tausender in der Faust haute er auf die Theke. „Los, komm schon her, du Subjekt! Wieviel Lose kriegen wir für dieses Geld?“

 

„Heute kriegt jeder ein Los, wie er´s verdient. Und das ist sogar umsonst!“ gab der Losverkäufer bekannt und stellte einen randvoll mit Losen gefüllten alten Sektkübel auf die Theke.

 

Zins griff ungestüm hinein. Seine Hand umklammerte das Los. Seine Kollegen schauten über seine Schulter, als er es umständlich öffnete. „Gnadenlos!“ las er vor.

 

„Das wird ein Trostpreis sein, mehr nicht!“ platzte Dr. Gier heraus.

 

„Gnadenlos verliert!“ teilte der Losverkäufer mit und zeigte auf ein Schild mit den Geschäftsbedingungen.

„Komm, du als Nächster!“ murrte Gier und drückte Schrapps Hand in den Kübel.

Der las auf seinem Los das Wort „Herzlos“ und wollte ein goldschimmerndes Herz aus der Auslage nehmen.

„Herzlos verliert!“ Mit einem Handzeichen verwies der Verkäufer wieder auf das Schild.

 

Klemm wollte nicht nachstehen und griff zu. Als er auf seinem Los „Kinderlos“ las, wollte er nach der schönen Kinderpuppe greifen, die ihm sofort ins Auge gefallen war.

„Kinderlos verliert!“ murrte der Verkäufer lakonisch. Gier zückte erbost seine Lesebrille. Aber alles half nichts: so stand es auf dem Schild.

Mit den Worten „Jetzt ich!“ griff er sich ein Los, öffnete es und rief: „Witzlos! Ich habe es ja gewußt, das schöne Witzbuch da vorne ist für mich! Her damit!“ Er griff nach dem Buch mit dem schönen Einband, das ihm sofort aufgefallen war. Der Losverkäufer aber entwand es seiner Hand mit den Worten: „Witzlos verliert!“

 

„Unmögliches Verhalten!“ tönte Gier. „Davon war nichts auf dem Schild zu lesen!“

 

Aber als der Losverkäufer ihm das Schild mit einem mokanten Lächeln vorhielt, erschien die Zeile „Witzlos verliert“ vor seinen Augen wie von Geisterhand geschrieben.

 

Mit groben Verwünschungen auf den Lippen entfernten sich die Herren gestikulierend. Die Laune war dahin, die Zusammenkunft wurde rasch beendet.

 

Wie es weiterging?

Nun:

Zins verfiel am nächsten Tag durch einen unerklärlichen Gehirnschlag in Stumpfsinn.

Schrapp brach am nächsten Tag im Büro zusammen, kam ins Krankenhaus und verließ die Intensivstation als toter Mann.

Klemm wurde am nächsten Tag impotent.

Dr. Gier konnte nicht einmal darüber lachen. Aller die Nachrichten über diese Vorkommnisse erhielt, verbreitete sich gerade auf seinen Wangen eine schmerzhafte Gesichtslähmung.

Ein Gedanke zu “Ein Herrenabend

  1. neuesterne Februar 13, 2008 / 6:05 am

    einfach supergute geschichte – gratulation

    Gefällt mir

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