Der alte Kollege

 

Im Stadtgebiet sah ich ihn l Wie hieß er noch … das ist doch der …

 

Eben war er an mir vorbeigegangen, etwas gebückt, im Feierabendgedränge der Düsseldorfer Innenstadt. Ein Schemen, ich hatte ihn nicht bewusst wahrgenommen.

Mein Unterbewusstsein signalisierte mir, dass ich ihn kennen musste, diesen älteren Herrn der da so unscheinbar meinen Weg kreuzte.

 

Ja, er war es wirklich, ein vertrauter Kollege aus meinen entschwundenen Industriekaufmanns-Jahren.

 

Verdammt, er sah alt aus. Er schien mir kleiner geworden zu sein als ich ihn in meiner Erinnerung in der Schublade für Fachkompetenz und soziale Kompetenz gespeichert hatte. Der Alltag hatte ihn wohl weniger gebeugt als das Alter selbst,

 

Kein Wunder eigentlich, dass sich Veränderungen zeigen, wenn man einander 10 – 12 Jährchen nicht gesehen hat. Er war ca. 20 Jahre älter als ich.

 

Das Feierabend-Gefühl trieb mich in die Richtung Parkhaus, aber meine Gedanken schwankten.

 

„Hallo, wie geht’s?“ rufen?

 

Nee. Weiter gehen, der kennt dich doch nicht mehr … Was kann er als Ruheständler, der er offensichtlich war, nach meinem Branchenwechsel mir schon erzählen, was für mich wichtig ist? Sie sind doch vorbei, unsere gemeinsamen Industrie-Jahre.

 

Eher einem Gefühl folgend, lief ich zurück. Es gab keinen rationalen Grund, ich folgte einem Gefühl dankbarer Erinnerung an die gemeinsame Arbeit während der Stahlkrise.

 

Ich tippte ihn an, ein Leuchten trat in seine etwas müden Augen. Ihn übermannte offensichtlich eine spontane Freude. „Schön, Sie mal zu sehen, nach so langer Zeit“ hörte ich ihn sagen. „oft habe ich mich gefragt, wie es Ihnen ergangen ist.“ sagte er.

 

Schnell kamen die Bilder hoch aus der Zeit, als er – 20 Jahre älter – mein Abteilungschef und mein Mentor war: Die Mini-Karriere an seiner Seite, die Konferenzen, die kleinen Vorstands-Intrigen die auszubaden waren, die vielen Erfolge! Ein Stückchen pralle Arbeitswelt, schön aufregend und wunderbar…

 

Die Passanten nahmen wir gar nicht mehr wahr.

Immer wieder werde ich mir für „so was“ Zeit nehmen, beschloss ich vorab.

 

Wir waren versunken in die Zeiten, die sicher anstrengender und entbehrungsreicher waren, als sie uns jetzt erschienen. Und ich bemerkte seine Freude, als ich ihm gestand, wie sehr er mir damals geholfen hat, wie viel mir die Zeit mit ihm persönlich bedeutet hat.

 

Dann trennten wir uns.

 

Nach wenigen Augenblicken schaute ich ihm noch einmal nach. Ja, tatsächlich, er ging schneller als vorher und zwar in aufrechter Haltung, nicht gebückt.

 

Ganz so, als ob es plötzlich in seinem stillen Rentnerleben einen Ruck gegeben hätte, der eine verkrustete Oberfläche aufgebrochen hat.

 

Gut, dass ich umgekehrt bin, so ging es mir durch den Kopf.

 

Ich fühlte mich beschenkt von der Begegnung.

 

Die wollte ich zuerst vermeiden, weil das Zusammentreffen mit den Alten aus den „uralten“ Zeiten einem doch so goooaar nichts bringt…

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s