Manchmal ist es zu spät

Aufräumen? Mein Arbeitszimmer aufräumen?

Sowas gibt es bei mir nur im äußersten Notfall.

Dieser Notfall war eingetreten.

 

Bei einer solchen Aufräumen erreichte mich ein Brief. Einer von der Sorte, die neutral mit

Maschine geschrieben werden.. Er sah schon so aus, wie die Briefe, die nichts Gutes verheißen.

 

So war es auch. Der Brief brachte mir die Nachricht vom Tode eines ehemaligen Kollegen.

 

Daß wir uns Monate nicht gesehen hatten, war, geschäftlich betrachtet normal.

Das also konnte nicht der Grund für meine seltsame Vorahnung nicht sein,

 

In Sekunden erreichte mich eine Art Traurigkeit, die ich sonst kaum kenne.

Es drängte sich ein zweiter Gedanke in den Vordergrund; der betraf nicht den Verstorbenen, sondern mich selbst.

 

Es gibt Bilder, die die Erinnerung wundersamerweise für üns bereithält.

Die Erinnerung an unseren letzten gemeinsamen Abend in unserem Lieblings-Speiserestaurant tauchte auf.

 

Im milden Licht des Restaurant-Tisches schien er älter geworden zu sein >es gab eine Attacke, ja, aber nun ist es wieder gut und die Geschäftspläne werden weiter verfolgt< usw.

 

Wir lachten gemeinsam über unsere in früheren Zeiten geplatzten Geschäfts-Träume und freuten uns über die weit kleineren Erfolge der Jetzt-Zeit. Geschäftsreisen, möglichst gemeinsame, wurden geplant; beim Abschied waren wir positiv aufgeladen.

 

Wir nahmen uns vor, nicht wieder so lange Zeit vergehen zu lassen…“

 

Und dann?

Nun, die Zeit verging doch.

 

Und ich las nochmals die Nachricht seiner Frau, die auch namens der fast erwachsenen Kinder den Verlust und ihre Trauer mitteilt.

 

Die Worte „Wir telefonieren bald…“ gingen mir nach. Umso mehr, als unsereins ja täglich stündlich neben eben diesem Telefon sitzt.

 

Abschied von guten Kameraden, liebenswürdigen Kollegen und guten Freunden geht immer schnell. Man sieht sich … keine Zeit für Sentimentalitäten also …

 

War das Scham, was ich da empfand? Wieso hatte ich bei dem Erhalt der Nachricht mehr an mich als an ihn gedacht?

 

Warum traf mich die Erinnerung an meine Worte „Wir telefonieren bald …“ schier wie Gongschläge? Wer hatte wem den Anruf in Aussicht gestellt? Ja, als fast freundschaftlich orientierte Kollegen sagten wir locker „Wer zuerst dran denkt … „ usw.

 

Aber, verflixt … warum habe ich, der Weihnachtskarten- und Geburtstagskarten-Schreiber, nicht angerufen?

 

Das Nachdenken über das Rätselhafte in uns kann für Augenblicke das Mitleid zur Seite drängen.

 

Das Gewissen springt uns an.

 

Und dann ist sie da: Die zweite Traurigkeit.

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s